5.-7. Juni 2000: eine verrückte Geschichte
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Schönes Wetter, die Luft ist schwülwarm, alle Prognosen weisen auf starke Gewitter. Und schon bilden sich über dem Schwarzwald die ersten Türme. Also rasch die Kamera montieren und die Aufnahme starten.
Zeitraffer
5.6.00, 1255-1315 Uhr
Standort ETH-Hönggerberg, Blick Richtung
Norden (Schwarzwald), Bildabstand 30 Sekunden
Vermutlich bereits ein Gewitter mit
Superzellenstruktur. Es können keine einzelnen Gewittertürme
identifiziert werden. Nur die pulsierende Wolkenspitze weist auf
Modulationen der Aufwindstärke hin. Hier zum Vergleich ein
Gewitter mit eindeutig erkennbaren, individuellen Aufwindtürmen:
Zeitraffer
11.5.00, 1430-1500 Uhr
Standort Hönggerberg, Blick Richtung
Nordwesten (Schwarzwald), Bildabstand 30 Sekunden
Und
hier die Animation des ETH-Radars für den 5.6.00, 1245-1330 Uhr
Das Gewitter im Schwarzwald ist sehr schön zu
sehen. Aber auch im Jura hat sich eine Superzelle gebildet. Der
erste Hagelzug des Tages in der Schweiz.
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Die Hagelgewitter vom 5. Juni 2000
Nach 14 Uhr ist eine Sitzung. Keine Chance, das Wettergeschehen zu verfolgen. Die Sitzung ist um 1630 Uhr zu Ende. Schnell zurück zum Radar. Ja, es tut sich einiges. Über dem Kanton Zug bildet sich eine neue Superzelle. Auch in der Ostschweiz ist was los. Von 17-1730 Uhr läuft wieder mal ein Folge von Radar-Volumenscans, um das Zuger Gewitter zu durchleuchten. Das Hagelwetter überquert den Zürichsee und dringt rasch weiter in die Ostschweiz vor. Nach 1715 Uhr scheint die Intensität etwas abzunehmen. Ende der Volumenscans um 1730 Uhr. Ich gehe nach Hause.
Animation des ETH-Radars für den 5.6.00, 1635 - 1745 Uhr
Der tolle Rückblick von Bernhard Oker
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Am nächsten Morgen finde ich zwei Emails von Kollege Andi Hostettler von der MeteoSchweiz:
1. Mail: Nach langem Brüten über dem Radar, entschliesse ich mich um 16.30 Uhr, Richtung Zelle Wil-Toggenburg aufzubrechen. Etwa 5 km nach Winterthur dann gute Sicht auf die grosse Zelle. Tiefschwarz. Kurz darauf bei Hagenbuch sehr rasche Entwicklung am Rand der Zelle: die unteren Cu cong nehmen eine magneta-grüne Färbung an und schon folgen die ersten heftigen Windböen, sofort runter vom Gas und schon kurz darauf erste Hagelkörner. Die Sicht fällt zusammen und die Böen rütteln wie wild am Auto, das ganze recht verdächtig. Leider kann ich keine Fotos schiessen. Nun prasseln die Hagelkörner immer flächiger runter. Das ganze entwickelt sich zu einer riesigen Kakophonie. Alles fährt auf den Pannenstreifen. Ein paar versuchen ihr Auto unter einer Brücke zu "verstauen" (direkt bei Hagenbuch.) Die Fahrbahnen werden zunehmend weiss und es besteht akute Glatteisgefahr. Nach etwa 15 Minuten hört der Hagel auf und ich versuche auf die Ausfahrt Matzingen rauszukommen. Dort langer Stau. Bei der Abiegung Richtung Ruggenbüel-Matzingen siehts schlimm aus. 10-15 cm Hagel stauen sich auf den Abfluss-Deckeln und das Wasser kann nicht mehr abfliessen. Auf der leicht abschüssigen Fahrbahn rauscht eine etwa 20 cm hohe "café au lait" Brühe runter. Wirds nun gefährlich, frage ich mich? Erste Autofahrer verlassen ihr Auto und klettern die Böschung rauf. 200 Meter weiter geht nix mehr: eine grosse Tanne liegt quer über der Strasse. Ich wende das Auto und fahre in die Gegenrichtung nach Wittenwil-Aadorf. Bei Wittenwil sind die Felder weiss. 4 Apfelbäume entlang der Strasse einfach umgenietet. Bei Aadorf zieht eine weitere Zelle aus SW auf. Schöne Blitze, aber plötzlich nimmt der Niederschlag stratiformen Charakter an. Das bleibt auch so auf meiner weiterer Fahrt wieder Richtung Matzingen. Matzingen lag voll im Hagelzug; alles weiss. Zum Teil ist die Hauptstrasse auch 40 Minuten nach dem Hagel noch weiss, die Hagelgeleise liegen zum Teil 20-30 cm hoch. Riesen Stau von Frauenfeld her. Im Tal nach Matzingen Richtung Frauenfeld dichter Verdunstungsnebel und kaum mehr Sicht. Später vor Frauenfeld ist nix mehr zu sehen. Ich mache noch einen Umweg über Kreuzlingen. Es gibt zwar noch schöne Blitze aber der "Pfus" ist irgendwie draussen und später gibts nur noch ausgedehnten Landregen, aber zum Teil noch lange recht intensiv.
Fotos: 1 2 3von Andi Hostettler
2. Mail: Also, es kommt noch besser! Ein guter Freund von mir ist heute abend zwischen ca 17.30 - 18.00 in Wetzikon "wahrscheinlich" in eine Trombe geraten. Er befand sich zu dieser Zeit in seiner Werkstatt. Als er kurz draussen war beobachtete er eine aufziehende Böenwalze mit horizontaler Drehstruktur, diese schien aber vorbeizuziehen und er beachtete das ganze nicht weiter; kurz darauf, offensichtlich aus einer anderen Richtung, ging "der Terror" los. Böen aus allen Richtungen; er flüchtet sich in seine Werkstatt und kann dabei die "massive" Türe nicht mehr schliessen. Mit aller Wucht drückt er dagegen; gleichzeitig wird das Dach demontiert. Gegenstände fliegen durch die Luft; der Sicherungskasten hauts in die Luft (Kurzschluss). Philipp, Fahrlehrer und Ex-Lastwägeler, vom Typ her kernig, beginnt langsam um sein Leben zu fürchten! Nach einiger Zeit wirds wieder ruhiger, er geht hinaus und sieht Richtung Hinwil abziehend eine rotiertende Wolke (8-10 Meter breit und etwa 10-20 Meter hoch). Seine Werkstatt ist offenbar recht isoliert vom Schadensbild, sonst sei nicht viel passiert in der näheren Umgebung, 2 Bäume neben dem Haus mit 30-40 cm Stammdurchmesser hats auch gecknickt.
Wir kabeln und beschliessen, uns am nächsten Vormittag in Wetzikon zu treffen. Ich selbst studiere im Laufe des Tages die Dopplerdaten, mit folgenden Erkenntnissen:
Zusammenfassend: das Szenario ähnelt in wesentlichen Punkten dem Tornado von Oberhofen/AG (22. Juli 1995).
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7. Juni 2000, vormittags: Augenschein in Wetzikon
Philip, Fahrlehrer und Motorradfan, erzählt bereitwillig seine Geschichte. Wir begutachten die umgeworfenen Bäume. Weitere Äste sind ziemlich weit geflogen. Interessant die Fallrichtung der Bäume: gegen Nordwesten! Die verschwundenen Dachziegel sind bereits ersetzt. Das geht schnell in der ordentlichen Schweiz. Dann zeigt uns Andi das Feld, über welches die Trombe weiterzog. Am anderen Ende ist eine Garage. Wir gehen dorthin und treffen den Inhaber. Er erinnert sich sofort. "Das war eindeutig ein Wolkenwirbel, wie man ihn in den amerikanischen Tornado-Filmen sieht." erklärt er. Dann zeigt er uns ein geknicktes Bäumchen. Auch hier sind weggeblasene Dachziegel bereits wieder ersetzt. Auf dem Asphalt aber sind noch die Spuren der runtergefallenen Ziegel sichtbar. Entlang einer Bachböschung liegen abgebrochene Äste. Dahinter ist ein Sportplatz mit rotem Sandbelag und herumliegenden Blättern und Asten. Später erzählt eine Frau dem Andi, dass sich die Trombe rot gefärbt hätte, als sie über den Sportplatz zog.
Fazit: drei unabhängige Augenzeugen haben eindeutig einen rotierenden Wolkenschlauch erkannt. Der Zeitpunkt lässt sich auf ca. 1725-1730 Uhr eingrenzen. Die Schäden sind eher gering. Also ein F1-Tornado.
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Aber das Verrückteste kommt erst jetzt
Wir begutachten die Schäden in der Umgebung der Garage. Plötzlich steigen am Horizont, in Richtung SE, Rauchschwaden auf. Ich denke an ein Feuer. Aber es ist keine kompakte Rauchwolke. Es sind eher Fetzen, welche sich aus dem Nichts zu bilden scheinen und nach schräg links aufsteigen. Diese Fetzen steigen immer höher und scheinen sich zu verwirbeln. Am Schluss steht da eine fast vertikale, rotierende Luftsäule und bewegt sich nach links, also etwa in Richtung NE. Ein Tornado vor unseren Augen??? Andi und ich denken, wir spinnen. Wo ist die Videokamera? Natürlich liegt sie in Andis Auto, auf dem Hintersitz. Ich spurte die 20 m zum Auto, grüble die Kamera hervor und renne zurück. Wie kann es anders sein. Der Wirbel ist fast verschwunden. Aber ein grauer Wolkensack, der ist noch sichtbar. Und dann steigen erneut Wolkenfetzen empor. Nun filme ich wie wild. Noch 2, 3x sind aufsteigende Fetzen sichtbar. Der Wolkensack ist noch einige Zeit erkennbar. Aber die schönste Phase, die haben nur unsere Augen gesehen.
Tornado-Zeitraffer, 7.6.00, Wetzikon, Blick gegen ESE, Bildabstand 1 Sekunde
Die gezeigte Sequenz dauert knapp 30 Sekunden.
Foto1 Foto2 von Andi Hostettler
Was war das?
Vermutlich ein sog. Kaltluft-Tornado. Cumulus-Wolken, welche in der instabilen Kaltluftmasse in die Höhe schiessen, bewirken unterhalb der Wolke einen Sog, welcher sich zu einem Wirbel verstärken kann. Genau so wie das aus der Badewanne abfliessende Wasser anfängt zu rotieren. An jenem Morgen gab es Cumulus-Wolken, bevor sich immer schöneres Wetter durchsetzte. Auf dem Radar waren in der Ostschweiz noch kleine konvektive Regenzellen erkennbar.
Über Schäden von dieser Trombe ist bislang nichts bekanntgeworden. Also ein F0-Tornado?
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Tornado-Homepage
Homepage MeteoRadar Schmid
Seite erstellt am 9.6.00, W. Schmid